Wenn Endometriose die Produktivität einschränkt: Strategien zur Bewältigung der täglichen Aufgaben
Du sitzt an deinem Schreibtisch und starrst schon seit einigen Minuten auf dieselbe E-Mail auf deinem Bildschirm. Die Aufgaben auf deiner To-Do-Liste stapeln sich und die Deadline für dieses eine Projekt rückt immer näher. Doch alles, woran du denken kannst, ist der quälende Schmerz in deinem Unterbauch und das dringende Bedürfnis, die Augen zu schließen, wenn auch nur für einen Moment. Zu Hause angekommen, warten ein voller Wäschekorb und das schmutzige Geschirr von mehreren Tagen auf dich. Eigentlich hattest du dir vorgenommen, heute endlich aufzuräumen und zu kochen, aber du fühlst dich völlig erschöpft. Stattdessen sinkst du mit einer Tüte Chips und einer Wärmflasche auf die Couch und scrollst durch Social Media, wo du dir alle Highlights aus dem Leben anderer Leute ansiehst. Und da ist es wieder - das vertraute, nagende Gefühl der Unzulänglichkeit.
Mit den Anforderungen eines prall gefüllten Lebens, das den Normen unserer Gesellschaft entspricht, umzugehen, ist für viele überwältigend. Das Leben mit einer chronischen Krankheit wie Endometriose kann diese Herausforderung jedoch noch größer machen. Sowohl im Beruf als auch zu Hause Leistung zu erbringen, Beziehungen zu pflegen und persönliche Ziele zu verfolgen, stößt oft auf die Realität von körperlichen Symptomen wie ständigen Schmerzen und Erschöpfung. In einer Welt, in der das Streben nach mehr und besser im Mittelpunkt steht, kommen schnell Gefühle des Versagens und der Scham auf, wenn man nicht mithalten kann. In diesem Artikel befassen wir uns mit den möglichen Folgen von Endometriose für die Produktivität im Kontext des gesellschaftlichen Leistungsdrucks und besprechen einige Strategien, die dir helfen können, damit umzugehen.
Einfluss von Endometriose auf die Produktivität
Endometriose kann sich in verschiedenen Lebensbereichen erheblich auf die Produktivität auswirken. Am Arbeitsplatz oder in einer schulischen Umgebung können Symptome wie starke Menstruationsschmerzen und Erschöpfung zu häufigen Abwesenheiten führen und es schwierig machen, sich zu konzentrieren, Fristen einzuhalten und optimale Leistungen zu erbringen. Darüber hinaus können die Nebenwirkungen von Medikamenten, die zur Behandlung der Endometriose erforderlich sind, sowie wiederholte Operationen die Leistungsfähigkeit weiter verringern. Dies kann die professionelle Entwicklung stark behindern und in ernsten Fällen sogar zu einem Abbruch der Ausbildung oder zum Verlust des Jobs führen.
Zu Hause können körperliche Beschwerden aufgrund von Endometriose die Erledigung alltäglicher Aufgaben wie Kochen oder Aufräumen erschweren und die Zeit mit dem/der Partner:in und/oder Kindern einschränken. Endometriose kann auch ein Hindernis sein, wenn es darum geht, persönliche Ziele zu verfolgen, z. B. soziales Engagement oder Hobbys. Verminderte Energie und die Unvorhersehbarkeit von Schmerzen und anderen Symptomen machen die Teilnahme an bestimmten Aktivitäten oft schwierig oder sogar unmöglich.
Gesellschaftlicher Leistungsdruck
Die Auswirkungen von Endometriose auf die persönliche Leistungsfähigkeit können tiefgreifende psychische Folgen haben. In einer Gesellschaft, die stark auf Leistung und Erfolg ausgerichtet ist und in der es als bewundernswert gilt, über die eigenen Grenzen hinauszugehen, kann der Druck, diese Erwartungen trotz gesundheitlicher Probleme zu erfüllen, sehr hoch sein. Wenn man mit den eigenen Einschränkungen konfrontiert wird, kommen schnell Gefühle der Minderwertigkeit und des Versagens auf, oder auch Scham und Angst vor Ablehnung. Diese Gefühle können durch gängige Vorurteile in der Gesellschaft verstärkt werden, wie z. B. die Ansicht, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen faul oder unmotiviert sind. Darüber hinaus sind die sozialen Medien und die kontinuierliche Möglichkeit zum sozialen Vergleich eine potenzielle zusätzliche Quelle für innere Konflikte und Gefühle der Unterlegenheit.
Strategien für den Umgang mit verminderter Produktivität
Der Umgang mit geringerer Leistungsfähigkeit und den damit einhergehenden Gefühlen und Gedanken kann sich ziemlich überwältigend anfühlen. Dennoch gibt es einige Dinge, die du unternehmen kannst, um mehr Balance und Ruhe zu finden. Zuallererst ist es ratsam, zu versuchen, die Ursache deiner reduzierten Produktivität zu erkennen und eine Linderung deiner körperlichen Beschwerden zu erzielen, indem du in Absprache mit deinem Arzt oder deiner Ärztin eine geeignete Behandlungsmethode suchst. Darüber hinaus kannst du die folgenden Strategien ausprobieren:
Setze auf Flexibilität
Eine flexible Tagesplanung kann dir helfen, mit schwankender Produktivität und unvorhersehbaren Symptomen umzugehen. Versuche, anspruchsvollere Aufgaben für Zeiten vorzusehen, in denen du mehr Energie hast, und wähle leichtere Aufgaben zu Zeiten, in denen du mehr körperliche Beschwerden hast. Achte darauf, dass du in deinem Zeitplan genügend Raum lässt, um dich auszuruhen oder Aktivitäten zu verschieben, falls nötig.
Stelle realistische Ziele auf
Zerlege größere Aufgaben in kleinere, überschaubare Schritte, um mehr Fortschritt zu erfahren und motiviert zu bleiben. Versuche, ehrlich einzuschätzen, was du in einer bestimmten Zeit erreichen kannst, und passe deine Erwartungen und Deadlines entsprechend an.
Setze Prioritäten
Mache dir zu Beginn jeder Woche oder jedes Tages eine Liste der Aufgaben, die du erledigen willst/musst, und ordne sie nach Wichtigkeit und Dringlichkeit. Lerne, zu weniger bedeutenden Dingen nein zu sagen, damit du Energie für das behältst, was wirklich wichtig ist. Und denke daran: Erledigt ist besser als perfekt.
Suche nach Unterstützung
Nimm dir Zeit, um deine Situation am Arbeitsplatz offen zu besprechen. Schau, ob sich Aufgaben delegieren lassen, ob flexible Arbeitszeiten möglich sind oder ob du zusätzliche Zeit oder Hilfe von Kolleg:innen bekommen kannst. Erwäge auch, dir Hilfe für Aufgaben im Haushalt zu organisieren, z. B. beim Putzen oder beim Einkaufen, um die Belastung zu verringern.
Hör auf deinen Körper
Achte darauf, was dein Körper dir signalisiert, und versuche, entsprechend zu handeln. Manchmal kann dies bedeuten, eine geplante Aktivität zu verschieben oder abzusagen oder sich krank zu melden. Darüber hinaus kann ein Symptomtagebuch dabei helfen, bestimmte Faktoren zu erkennen, die deinen Zustand zu verbessern oder zu verschlechtern scheinen.
Kümmere dich gut um dich selbst
Behandle dich selbst mit der gleichen Freundlichkeit und Sanftheit, wie du es bei einem geliebten Menschen tun würdest. Sei geduldig mit deinem Körper und versorge ihn mit ausreichend Schlaf, regelmäßiger Bewegung und ausgewogener Ernährung. Zur Selbstfürsorge gehört auch, dass du bei anhaltenden körperlichen oder psychischen Beschwerden möglichst frühzeitig professionelle medizinische oder psychologische Hilfe in Anspruch nimmst.
Identifiziere deine persönlichen Werte
Nimm dir Zeit, um darüber nachzudenken, was dir im Leben wirklich wichtig ist. Frag dich, ob es dein persönliches Bedürfnis ist, nach mehr und besser zu streben, oder ob du es vorziehst, deine eigenen Maßstäbe zu setzen und dich dafür entscheidest, Erfolg auf einzigartige Weise im Einklang mit deinen Werten zu definieren.
Feiere kleine Fortschritte
Lenke deinen Fokus von dem, was du nicht erreicht hast, auf das, was dir gelungen ist. Halt täglich inne, um darüber zu reflektieren, z. B. indem du es in einem schönen Notizbuch aufschreibst.
Sprich mit anderen
Erzähle Freund:innen, Familie oder in einer Selbsthilfegruppe von deinen Erfahrungen und Gefühlen. Eine verständnisvolle Reaktion, eine Umarmung oder ein Gespräch mit anderen, die mit ähnlichen Einschränkungen zu kämpfen haben, kann ungemein erleichternd wirken. Du musst es nicht allein schaffen.
Der Bedarf an strukturellen Lösungen
Wenn du diese Ratschläge liest, denkst du dir vielleicht: Alles schön und gut, aber ich habe keine Ahnung, wie ich diese Vorschläge in meinem Alltag umsetzen soll. Schließlich gibt es im Beruf und zu Hause bestimmte Aufgaben, die innerhalb eines gewissen Zeitrahmens erledigt werden müssen, unabhängig davon, ob man es körperlich schafft oder nicht. Nicht alle Arbeitgeber:innen bieten die notwendige Unterstützung oder Flexibilität, und nicht alle haben das Glück, hilfsbereite Partner:innen zu haben oder die finanziellen Mittel, um Haushaltshilfe zu engagieren.
In Situationen, in denen deine Verpflichtungen ständig deine Kapazitäten übersteigen, ist es notwendig, nach strukturellen Lösungen zu suchen. Stell dir die Frage, ob ein anderer Arbeitsplatz mit flexiblen Arbeitszeiten oder weniger komplexen Aufgaben besser geeignet ist. Falls du dauerhaft an deine Grenzen stößt, kann es ratsam sein, mit deinem Arzt oder deiner Ärztin zu besprechen, ob eine vorübergehende oder sogar langfristige Arbeitsunfähigkeit notwendig ist, um Zeit und Raum für Erholung und Ruhe zu schaffen. Es ist auch sinnvoll, nach Unterstützungsmöglichkeiten in der Nachbarschaft zu suchen, z. B. bei örtlichen Organisationen oder ehrenamtlich tätige Personen, die Hilfe für die Familie und den Haushalt leisten. Mit einer breiten Perspektive und manchmal schwierigen Entscheidungen lässt sich mehr Ausgewogenheit in die eigene Lage bringen.
Fazit
Der Umgang mit belastenden körperlichen Symptomen von Endometriose wie Schmerzen oder Erschöpfung kann in einer Gesellschaft, die uns ständig zu mehr und besserer Leistung drängt, eine besondere Herausforderung darstellen. Ständig über die eigenen Grenzen hinauszugehen, ist nicht nur anstrengend für Körper und Geist, sondern schadet auf Dauer auch der Gesundheit und damit tut man niemanden etwas Gutes. Indem du die oben genannten Strategien ausprobierst, kannst du eine tägliche Routine und ein Tempo anstreben, das deinen einzigartigen Fähigkeiten entspricht. Du bist als Person wertvoll, unabhängig von deiner Leistung.
Wie wirkt sich Endometriose auf deine Produktivität und Leistung aus, sowohl bei der Arbeit als auch zu Hause? Welche Strategien oder Hilfsmittel nutzt du, um deine körperlichen Kapazitäten mit deinen Verpflichtungen in Einklang zu bringen? Teile deine Erfahrungen und Tipps in den Kommentaren unten mit!
Weitere Informationen
Wenn du mehr zu diesem Thema erfahren möchtest, findest du unten eine Auswahl an wissenschaftlichen Artikeln. Solltest du allerdings eher nach leicht verständlichen Informationen und praktischen Ratschlägen suchen, kannst du einen Blick auf künftige Blogbeiträge zu diesem Thema werfen oder dich mit deinen Fragen über das Kontaktformular an mich wenden.
Missmer, S. A., Tu, F., Soliman, A. M., Chiuve, S., Cross, S., Eichner, S., Flores, O. A., Horne, A., Schneider, B., & As-Sanie, S. (2022). Impact of endometriosis on women’s life decisions and goal attainment: a cross-sectional survey of members of an online patient community. BMJ Open, 12(4), e052765. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2021-052765
Della Corte, L., Di Filippo, C., Gabrielli, O., Reppuccia, S., La Rosa, V. L., Ragusa, R., Fichera, M., Commodari, E., Bifulco, G., & Giampaolino, P. (2020). The Burden of Endometriosis on Women’s Lifespan: A Narrative Overview on Quality of life and Psychosocial Wellbeing. International Journal of Environmental Research and Public Health, 17(13), 4683. https://doi.org/10.3390/ijerph17134683
Missmer, S. A., Tu, F. F., Agarwal, S. K., Chapron, C., Soliman, A. M., Chiuve, S., Eichner, S., Flores-Caldera, I., Horne, A. W., Kimball, A. B., Laufer, M. R., Leyland, N., Singh, S. S., Taylor, H. S., & As-Sanie, S. (2021). Impact of Endometriosis on Life-Course Potential: A Narrative review. International Journal of General Medicine, Volume 14, 9–25. https://doi.org/10.2147/ijgm.s261139