Die Qual der Wahl bei der Endometriosebehandlung: Umgang mit Selbstzweifel und Schuldgefühlen
Wenn der Verdacht auf Endometriose besteht, steht man vor einer Reihe von schwierigen und oft überwältigenden Entscheidungen. Möchtest du abwarten oder deinen Menstruationszyklus mit einer Hormontherapie unterdrücken? Sollst du dich sofort einer Bauchspiegelung zur Sicherung der Diagnose unterziehen, oder willst du lieber Änderungen im Lebensstil oder alternative Methoden wie Akupunktur ausprobieren? Diese Entscheidungen sind sehr persönlich und können eine Reihe von Emotionen mit sich bringen. Im Anschluss an die Artikelserie über die Behandlung von Endometriose befassen wir uns in diesem Artikel mit den psychologischen Auswirkungen dieses Entscheidungsprozesses. Dabei gehen wir insbesondere auf die Selbstzweifel und Schuldgefühle ein, die im Zusammenhang mit der Behandlung von Endometriose auftreten können, und besprechen Wege, mit diesen Gefühlen umzugehen.
Kein einheitlicher Behandlungsplan für alle
Eine der größten Herausforderungen bei der Behandlung von Endometriose besteht darin, dass es keinen einheitlichen Ansatz gibt, der für alle wirksam ist. Die verfügbaren medizinischen Behandlungsmethoden, darunter Schmerzmittel, Hormontherapie und Operationen, haben jeweils ihre eigenen Vor- und Nachteile, mit unterschiedlichen Kosten, Nebenwirkungen und Risiken. So kann eine Hormontherapie beispielsweise die oft schmerzhafte Menstruation unterdrücken und zur Linderung der Symptome beitragen, jedoch auch Nebenwirkungen verursachen, die die Lebensqualität beeinträchtigen, wie Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen, Übelkeit und Gewichtszunahme. Chirurgische Eingriffe können durch die Entfernung des Endometriosegewebe unmittelbarere Ergebnisse erzielen, bergen aber auch gewisse Risiken wie die Entwicklung von Narbengewebe, mögliche Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit und einen langwierigen Genesungsprozess. Die Komplexität von Endometriose bedeutet zudem, dass das, was bei einer Person wirksam ist, bei einer anderen nicht unbedingt anschlägt. Die Wahl des eigenen Behandlungsplans kann wie ein Labyrinth erscheinen, bei dem man nicht weiß, wohin die Wege führen und welchen Weg man einschlagen soll.
Ärztlicher Druck
Trotz des Wissens um die Vor- und Nachteile der verschiedenen Behandlungsmethoden und ihrer variierenden Wirksamkeit kommt es vor, dass Ärzt:innen bestimmte Therapien als den einzig richtigen Ansatz für Endometriose präsentieren. Diese Sichtweise beruht meistens auf einer Kombination aus Ausbildung und klinischer Erfahrung sowie dem Wunsch nach einer schnellen Problemlösung, lässt aber wenig Raum für die individuellen Erfahrungen und Wünsche der einzelnen Patient:innen. Diejenigen, die sich nicht auf eine bestimmte Therapie einlassen wollen, lieber alternative Ansätze erforschen oder eine abwartende Haltung einnehmen, sehen sich unter Umständen mit Skepsis, einer weniger freundlichen Behandlung oder sogar mit abweisenden Reaktionen konfrontiert, wie z. B. als unverantwortlich oder sogar dumm abgestempelt zu werden. Ein solcher Mangel an Einfühlungsvermögen und Respekt für die Autonomie der Patient:innen kann das Vertrauen in die Medizin untergraben und einen erheblichen Druck erzeugen, den vorgeschriebenen Weg zu gehen, auch wenn dies dem eigenen Bauchgefühl widerspricht.
Einflüsse aus dem sozialen Umfeld
Darüber hinaus spielen unser Umfeld und die sozialen Medien eine Rolle bei der Komplexität des Entscheidungsprozesses für den eigenen Behandlungsplan. Familienangehörige oder Freund:innen geben zum Beispiel wohlmeinende Ratschläge basierend auf dem, was sie von anderen oder in den Medien über Endometriose gehört oder gelesen haben. Darüber hinaus gibt es auf Plattformen wie Instagram und TikTok zahlreiche Geschichten von Personen, die behaupten, ihre Endometriose mit bestimmten Diäten, Nahrungsergänzungsmitteln, Achtsamkeit und spirituellen Praktiken „geheilt“ zu haben. Während diese Ratschläge und Erfahrungsberichte zweifellos wertvoll und inspirierend sein können, kann die Fülle an Informationen aus verschiedenen (nicht immer zuverlässigen) Quellen manchmal überwältigend und verwirrend sein. Es ist einfach nicht machbar, alle potenziell nützlichen Methoden gleichzeitig auszuprobieren, und manchmal sind die Empfehlungen widersprüchlich oder sogar riskant. Oftmals zeichnen diese Erfahrungsberichte auch ein geschöntes Bild eines idealen gesunden Lebensstils, der fast unmöglich zu erreichen ist. Diesem Ideal nicht entsprechen zu können oder nicht die gewünschten Ergebnisse zu erzielen, kann starke Gefühle der Unzulänglichkeit oder des Versagens hervorrufen.
Innerer Kampf mit Selbstzweifel
Die harte Wahrheit ist, dass es derzeit keine Heilung für Endometriose gibt. Daher konzentriert sich die Behandlung auf die Bewältigung der Symptome, wobei manche Menschen tatsächlich Behandlungsmethoden entdecken, die es ihnen ermöglicht, praktisch symptomfrei zu leben. Es ist aber auch durchaus möglich, dass du verschiedene Therapieformen ausprobiert und alle möglichen Ratschläge zum Lebensstil befolgt hast, deine Symptome aber trotzdem hartnäckig bestehen bleiben oder sich sogar verschlimmern. Das ist eine schwer zu akzeptierende Realität, denn wir Menschen haben gerne die Kontrolle. Viele neigen daher dazu, die Ursache bei sich selbst zu suchen, wenn sich ihr Gesundheitszustand nicht bessert. Dabei können Fragen auftauchen wie: „Was mache ich falsch? Warum funktioniert das bei anderen, bei mir aber nicht? Habe ich mich nicht genug angestrengt? Hätte ich diesen einen Ratschlag doch befolgen sollen? Habe ich zu lange gewartet?“.
Nicht deine Schuld, aber deine Verantwortung
Die Tatsache, dass du Endometriose hast und dass bestimmte Behandlungsmethoden deine Symptome nicht verbessern, ist nicht deine Schuld. Es ist absolut kein Zeichen von persönlichem Versagen oder Schwäche, wenn der von dir gewählte Behandlungsplan nicht die gewünschten Ergebnisse bringt. Du trägst jedoch die Verantwortung für deinen Körper, und es liegt bei dir, bewusst zu entscheiden, welche Wege du gehst und welche nicht. Dabei ist es sehr wichtig, dass du dich anhand zuverlässiger Quellen wie Websites medizinischer Organisationen und wissenschaftlicher Artikel sorgfältig informierst und deine Optionen mit deinem Arzt oder deiner Ärztin eingehend besprichst. Nimm dir die Zeit, um die Vor- und Nachteile der verschiedenen Methoden abzuwägen und zu überlegen, welche Risiken für dich persönlich akzeptabel sind und welche nicht. Letztlich liegt die Entscheidung bei dir, und es ist wichtig, darauf zu hören, was sich für deine individuelle Situation und deinen Körper richtig anfühlt.
Unterstützung bei der Entscheidungsfindung
Glücklicherweise gibt es Ärzt:innen, die dich in diesem Prozess unterstützen können und bereit sind, aktiv mit dir zu arbeiten, anstatt dir einfach nur einen Behandlungsplan zu verschreiben. Wenn du den Eindruck hast, dass eine ehrliche und offene Kommunikation, die auf deine Präferenzen und Erfahrungen eingeht, mit deinem derzeitigen Arzt oder deiner Ärztin schwierig ist, ist es vielleicht an der Zeit, einen anderen Arzt oder eine andere Ärztin aufzusuchen. Die medizinische Begleitung durch eine Person, die dir wirklich zuhört, dich wahrnimmt und dich respektiert, macht einen Riesenunterschied im Umgang mit Endometriose. Auch das Gespräch mit anderen Menschen, die an Endometriose erkrankt sind, z. B. in einer Selbsthilfegruppe, kann Trost spenden und neue Kraft geben. Viele andere erleben ähnliche Gefühle von Zweifel, Frustration und Selbstvorwürfen im Zusammenhang mit ihrer Behandlung. Die Gewissheit, dass du nicht allein bist, kann dir dabei helfen, die Last gemeinsam zu tragen. Wenn du das Gefühl hast, nicht mehr weiter zu wissen, und mit starkem Entscheidungsstress und psychischer Belastung zu kämpfen hast, ist es ratsam, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eine/n Therapeut/in kann dir helfen, mit den emotionalen Auswirkungen deiner Erkrankung umzugehen, und dich dabei unterstützen, Entscheidungen zu treffen, die zu dir passen.
Fazit
Kurz gefasst: Der Entscheidungsprozess rund um die Endometriosebehandlung kann eine komplizierte und oft emotional belastende Erfahrung sein. Das Fehlen eines allgemeingültigen Ansatzes, der für alle wirksam ist, die möglichen Nebenwirkungen und Risiken sowie der Einfluss von Ärzt:innen und dem sozialen Umfeld können dazu führen, dass man sich überfordert und unsicher fühlt. Nimm dir daher die Zeit, dich gründlich zu informieren und in Kooperation mit deinem Arzt oder deiner Ärztin eine bewusste Entscheidung für deine Behandlung zu treffen, die deine individuelle Situation berücksichtigt. Ob der gewählte Weg zu einer Besserung deiner Symptome führt, liegt leider nicht in deiner Hand. Dennoch kannst du dir den Freiraum geben, deine Entscheidungen regelmäßig nach deinen sich verändernden Lebensumständen und Bedürfnissen neu zu überprüfen und so, frei von Schuldgefühlen und Selbstzweifeln, Wege zu finden, die zu dir passen. Bedenke, dass jeder Schritt, den du machst, ein Schritt nach vorn ist. Selbst die Entdeckung, welche Methoden für dich unwirksam sind, bringt dich indirekt weiter!
Ich wünsche dir viel Kraft und Mut auf deinem persönlichen Weg mit Endometriose. Wenn es dir, wie mir, manchmal schwerfällt, Entscheidungen über deinen Behandlungsplan zu treffen, oder du dich enttäuscht oder frustriert fühlst, wenn sich deine Symptome nicht bessern, kannst du gerne etwas in die Kommentare schreiben oder mich über das Kontaktformular kontaktieren.